von Dr. Volkmar Günzler-Pukall, Arzt, 1. Vorsitzender

Ich hatte keine Vorstellung davon, wohin mich mein Weg führen würde, als ich vor fast vierzig Jahren mit dem Karate-Training begann. Ich hatte denkbar schlechte Voraussetzungen. Ich war unsportlich und ängstlich und schon weit über das Alter hinaus, in dem man etwas Neues leicht lernt. Das Einzige, was für mich sprach, war meine Beharrlichkeit, oder Sturheit, wenn Sie so wollen.

Ich wurde mit sechsundzwanzig ungewollt in eine Schlägerei verwickelt und bekam Einiges ab. Damals schwor ich mir, mir solle so etwas nicht noch einmal passieren, und begann mit dem Karate-Training um der Selbstverteidigung willen. Die ersten Jahre waren die Hölle für mich. Ich ging schon mit Angst ins Training – Angst davor, mich dumm anzustellen, davor, als Kanonenfutter für die talentierten, jüngeren Karateka zu dienen, von den Anderen nicht akzeptiert zu werden. In der Grundschule konnte ich mit Ach und Krach mithalten, aber im Kampftraining war ich völlig hilflos, auch schwächeren Gegnern gegenüber. Ich musste zusehen, wie die Kameraden, mit denen ich angefangen hatte zu trainieren, an mir vorbeizogen. Als sie schon längst ihren braunen Gürtel hatten, stand ich immer noch als Orangegurt in der Anfängergruppe.

Langsam begann das Blatt sich zu wenden. Ich gestand mir ein, dass ich das, was Andere an Talent mitbrachten, durch harte Arbeit an meinen Unfähigkeiten wett machen musste. Und in dem Maße, in dem ich meine Ängstlichkeit im Training ablegen konnte, verschwand sie auch aus meinem täglichen Leben. Früher hatte ich mich kaum getraut, meine Meinung zu sagen, vor allem wenn klar war, dass ich damit alleine stand. Früher hatte ich Herzklopfen bekommen, wenn ich einen Vortrag vor einem größeren Publikum halten sollte, und auf Fragen fiel mir nie die beste Antwort ein. Alle diese Ängste verschwanden mit dem Zurückschrecken vor der körperlichen Auseinandersetzung, verflüchtigten sich mit der Angst davor, hart getroffen zu werden. Ohne jemals Kurse in Rhetorik oder Redegewandtheit genommen zu haben, konnte ich plötzlich längere Vorträge vor hunderten von Menschen halten, ohne in Nervosität zu verfallen.

Ich nahm einige wenige Male an Wettkämpfen teil, nur um zu sehen, wo ich stand. Der Erfolg, der mir am meisten bedeutet, war der Gewinn des Mannschaftswettbewerbs beim JKA-Shotokan-Cup Mitte der neunziger Jahre. Noch größere Anerkennung wurde mir zuteil, als mich meine beruflichen Wege 1998 in die USA führten. Ich verabschiedete mich von Ochi-Sensei und sagte, er würde mich nicht mehr auf Lehrgängen sehen, aber nicht, weil ich mit dem Karate-Training aufgehört hätte, sondern weil ich ins Ausland ging. Im Gegenzug lud er mich ein, vorher noch meinen 3. Dan bei ihm zu machen.

Während meiner Zeit in den USA wurde ich zum Helden meiner Untergebenen, als ich sie gegen ungerechtfertigte Angriffe aus dem Management der Firma, für die ich arbeitete, in Schutz nahm. Früher hatte es mir an Zivilcourage gemangelt, jetzt musste ich in aller Öffentlichkeit den Abteilungsleiter in seine Schranken weisen. Hatte ich Angst in dieser Situation? Und wie. Aber ich hatte begriffen, dass “mutig sein” nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Mutig sein heißt, Angst zu haben und trotzdem das Richtige zu tun.

Wie gesagt, ich hatte keine Vorstellung von dem Weg, der vor mir lag. Eins aber ist sonnenklar: So einen Weg zu gehen, kann man nicht überall lernen, sondern nur bei einem Lehrer, der zuvor selbst einen ähnlichen Weg gegangen ist.